Häusliche Versorgung Sterbender in Schleswig-Holstein: „Wir laufen sehenden Auges in eine Versorgungskrise“

Die derzeitigen Möglichkeiten, sterbende Menschen zu Hause zu betreuen, reichen bei weitem nicht aus. In Zukunft wird sich dieses Problem noch verschärfen. Darauf macht die Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein aufmerksam und fordert eine engere

Zusammenarbeit von Politik, Palliativverbänden und weiteren Akteuren. Es braucht eine gemeinsame Vision, um das Recht auf ein würdiges Sterben in der eigenen Häuslichkeit zu gewährleisten.

Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 940.000 Menschen.1 Der Großteil von ihnen wünscht sich, zu Hause zu sterben. Nur 3 Prozent aller Menschen geben an, dass sie ihr Lebensende im Krankenhaus oder Heim verbringen möchten. 2 Doch die Realität ist eine andere: „Knapp die Hälfte aller Menschen versterben im Krankenhaus. Schwerstkranke Menschen werden in diesem Zeitraum oft wiederholt ins Krankenhaus eingewiesen und erhalten medizinische Behandlungen, die oft nicht gewünscht werden und zu keiner Verbesserung der Lebenssituation führen“, sagt Carola Neugebohren, Vorstandsmitglied der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein und Bereichsleiterin im Palliativnetz Travebogen. „Diese Situation geht für die sterbenden Menschen und ihre Angehörigen mit viel Leid einher und führt zu unnötigen Kosten.“

Das Ziel: Zuhause gut versorgt anstatt im Krankenhaus

Eine gute palliative Versorgung kann sicherstellen, dass schwerstkranke und sterbende Menschen in ihrem vertrauten Umfeld bestmöglich versorgt und begleitet werden. Doch diese häusliche Palliativversorgung ist nicht in jedem Fall gesichert. „Nicht alle Patientinnen und Patienten erfüllen die Voraussetzungen für eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung, bei der Palliativmediziner und -pflegende rund um die Uhr zur Verfügung stehen.“ Oft werde die Versorgung noch allein von den Hausärzt*innen in Zusammenarbeit mit ambulanten Pflegediensten gesteuert. In der Regel fehlt die zeitliche Ressource und eine Plattform für den regelmäßigen Austausch. Die Sterbenden werden oft nicht so zu Hause betreut, dass sie dort bleiben können. „Kurzfristige Klinikeinweisungen in der Sterbephase sind dann keine Seltenheit“, sagt Neugebohren. „Im Moment stehen die vorhandenen Strukturen und Vergütungssysteme einer wirklich patientengerechten ambulanten Palliativversorgung entgegen.“

Dabei sei das Thema wichtig und dringlich: „Jeder schwerstkranke und sterbende Mensch hat ein Recht auf eine umfassende medizinische, pflegerische, psychosoziale und spirituelle Betreuung und Begleitung, die seiner individuellen Lebenssituation und seinem hospizlich-palliativen Versorgungsbedarf Rechnung trägt“, zitiert Neugebohren die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland. Um dieses Ziel zu erreichen, brauche es gemeinsame Anstrengungen. „Wir brauchen einen Runden Tisch zur Palliativversorgung in Schleswig-Holstein, bei dem wir eine gemeinsame Vision und zukunftsfähige Maßnahmen entwickeln. Sonst laufen wir sehenden Auges in eine Versorgungskrise.“

Problem wird in Zukunft noch dringlicher

Hinzu komme: „Es gibt keinen validen Daten, wie sich die Überalterung in Schleswig-Holstein auf den Bedarf an palliativer Versorgung und die Anzahl der erforderlichen Hospiz- und Palliativbetten auswirken wird“, beklagt Neugebohren. „Schon jetzt sind alle Hospizplätze belegt und die derzeitigen Möglichkeiten, sterbende Menschen zu Hause zu betreuen, reichen bei weitem nicht aus.“ Verschärfen werde sich das Problem spätestens dann, wenn die geburtenstarken Jahrgänge ins Sterbealter kommen und gleichzeitig ein massiver Mangel an Pflegenachwuchs bestehe. „Wir müssen schon jetzt vorbeugen und tragfähige Konzepte für die Zukunft entwickeln“, sagt Neugebohren.

Dazu gehöre auch, Palliative Care stärker in die Altenhilfe zu implementieren. „Jeder Mensch sollte am Ende seines Lebens Zugang zu Palliativversorgung haben, und es ist nicht das Ziel, das Sterben ausschließlich in spezielle Einrichtungen auszugliedern“, sagt Neugebohren. Dazu brauche die stationäre Langzeitpflege mehr Kompetenzen und geschultes Personal, um Bewohner*innen auch am Ende des Lebens gut in der vertrauten Einrichtung versorgen zu können. Wichtig sei zudem: „Eine würdige Sterbebegleitung braucht eine qualitätsorientierte Fort- und Weiterbildung. Auch dafür müssen Mittel bereitgestellt werden“, sagt Neugebohren.

 

Pressemitteilung

 

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