BARMER-Pflegereport – Drube: „Wir brauchen dringend eine echte Pflegewende!“

Patricia Drube

Die Arbeitssituation in der Pflege beeinträchtigt die Gesundheit der Beschäftigten massiv, wie der BARMER-Pflegereport 2020 zeigt. Das wiederum verschärft die ohnehin prekäre Personalsituation – vor allem in der Altenpflege. Es ist dringend Zeit für eine echte Pflegewende, fordert die Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein in einer Pressemitteilung. Der Teufelskreis aus schlechten Arbeitsbedingungen, hohen Krankenständen und Mehrbelastungen der verbleibenden Pflegenden muss endlich durchbrochen werden.

Der Leidensdruck unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen ist hoch

Pflegende sind deutlich häufiger krank als andere Erwerbstätige. Zwischen 2016 und 2018 waren 8,7 Prozent aller Hilfskräfte und 7,2 Prozent der Fachkräfte in der Altenpflege krankgeschrieben, wie der jetzt veröffentlichte BARMER-Pflegereport 2020 zeigt. In anderen Berufen lag der Krankenstand im Schnitt bei 5,0 Prozent. Das entspricht einem Unterschied von bis zu 73 Prozent. Altenpflegefachkräfte fehlten im Schnitt 18,6 Tage, Altenhilfskräfte sogar 20,2 Tage – das ist 40 Prozent länger als Beschäftigte in sonstigen Berufen (13,3 Fehltage). Pflegekräfte fehlen dabei vor allem aufgrund von psychischen Problemen sowie Muskel-Skelett-Erkrankungen. So wiesen Beschäftigte in der Altenpflege etwa 80 bis 90 Prozent mehr Fehltage aufgrund von Depressionen auf als Erwerbstätige in sonstigen Berufen. Auch der Anteil der frühberenteten Pflegenden liegt überproportional hoch. Der Report geht davon aus: Wäre die Arbeitssituation der Pflegebeschäftigten besser, gäbe es auf einen Schlag 26.000 Pflegepersonen mehr.

„Der BARMER-Pflegereport zeigt eindringlich, unter welchen krankmachenden Arbeitsbedingungen Pflegende in der Altenpflege heute arbeiten“, sagt Patricia Drube, Präsidentin der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein. „Das mündet schnell in einen Teufelskreis. Durch die hohen Krankenstände werden die verbleibenden Pflegenden zusätzlich belastet und erkranken selbst schneller. Die Personalsituation verschärft sich dadurch immer mehr. Diese Spirale müssen wir durchbrechen.“

Zu ähnlich alarmierenden Ergebnissen kommt auch eine Mitgliederbefragung zum „Berufsverbleib und Wiedereinstieg von Pflegefachpersonen in Schleswig-Holstein“. „In unserer Studie finden sich viele Hinweise, dass sich eine überraschend hohe Anzahl der Befragten aktuell mit dem Gedanken trägt, aus dem Pflegeberuf auszusteigen. Den Ausschlag dafür geben vor allem der Leidensdruck unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen, das belastete Berufsethos und das Gefühl fehlender Wertschätzung. Auch die monetäre Entlohnung wird als zu niedrig angesehen“, berichtet Drube von der ersten Datenauswertung, die auch auf der Website der Pflegeberufekammer nachzulesen ist.

Breite Erprobung der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich

„Wenn wir jetzt nicht handeln, laufen wir in eine massive Versorgungskrise“, betont Drube. „Speziell vor dem Hintergrund, dass etwa 40 Prozent der Pflegefachpersonen in den nächsten zehn bis zwölf Jahren in den Ruhestand gehen werden, zeigt sich, wie dringend der Handlungsbedarf ist. Dieses Warnsignal sollte von allen Beteiligten ernst genommen werden. Was wir jetzt brauchen, ist eine echte Pflegewende, die die Belastungssituation der Pflegenden schnellstmöglich entschärft. Unser Vorschlag: eine breite Erprobung der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Erfahrungen aus skandinavischen Ländern zeigen, dass der Krankenstand in der Pflege damit wirksam reduziert werden kann.“

Ein weiteres Augenmerk müsse auf das Hilfspersonal gelegt werden. „Das Pflegehilfspersonal in der Altenpflege zeigt in allen Bereichen – ob Krankheitstage, Depressionen oder Frühberentung – besonders alarmierende Werte“, sagt Drube. „Viele Hilfspersonen arbeiten in der Altenpflege ohne qualifizierte Assistenzausbildung. Wir wissen jedoch aus Studien, dass der Ausbildungsstand positiv mit Gesundheits- und Resilienzdaten korreliert. Wir brauchen deshalb dringend eine Aus- und Weiterbildungsoffensive für pflegerisches Assistenzpersonal auf Basis einer 1- bis 2-jährigen Ausbildung. Und: Wir müssen konsequent in die Aus-, Fort- und Weiterbildung investieren, sowohl für die Fachpersonen als auch für das Pflegehilfspersonal. Nur durch rasches Handeln können wir eine drohende Versorgungskrise noch abwenden.“

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