„Ich könnte mir keine wertvollere Arbeit vorstellen“

Dr. med. Svante Gehring von der Ärztekammer Schleswig-Holstein berichtet im Interview, was den Pflegeberuf auszeichnet, was sich durch Corona geändert hat und warum Ärzte und Pflegende dringend enger zusammenarbeiten müssen.

Herr Dr. Gehring, warum ist eine gute Pflege für die Gesellschaft so wichtig?

Dr. Svante Gehring: Für mich ist das ganz eindeutig: Keine Berufsgruppe steht den Patientinnen und Patienten näher als die Pflegenden. Der erste Kreis um den Patienten herum ist immer die Pflege, erst danach folgen Ärzte und andere Gesundheitsberufe. Pflegende begleiten Menschen in Krankheit, Pflegebedürftigkeit und im Sterben, sie nehmen Ängste, lindern Schmerzen auch ohne Medikamente, berühren und werden berührt und leisten das, was in existenziellen Situationen zählt: die Würde des Menschen zu bewahren. Ich könnte mir keine wertvollere Arbeit am Menschen vorstellen als das, was die Pflegenden leisten. Diese wichtige Aufgabe setzt aber auch voraus, dass die Pflegenden im interprofessionellen Team geachtet, von der Gesellschaft wertgeschätzt und ausreichend bezahlt werden. Mich ärgert immer, dass Gesundheitsökonomen den Wert einer guten Pflege nicht berechnet haben.

 

Woran liegt das?

Dr. Svante Gehring: Wahrscheinlich, weil sich das so schwer berechnen lässt. Es gibt kaum belastbare Zahlen, was eine gute Pflege, ein vernünftiges Gespräch oder auch mehr Zuwendung zur Gesundung von Menschen beitragen. Es wird immer nur berechnet, was eine Erkrankung oder eine Therapie kostet, aber nie, was wir durch eine gute Pflege sparen könnten, wenn sich zum Beispiel Klinikaufenthalte oder unnötige Behandlungen dadurch vermeiden lassen. Die Pflege leistet einen Riesenbeitrag am Genesungsprozess. Was im Moment gesehen wird, ist aber vor allem die ärztliche Therapie. Was nach dieser Therapie läuft, hat aber mindestens einen gleichwertigen, wenn nicht sogar höheren Wert als eine Operation oder ein neues Medikament. Die Gesundheitsökonomie hat hier einfach einen blinden Fleck.

 

Hat sich das Ansehen der Pflege durch die Corona-Pandemie gewandelt?

Dr. Svante Gehring: Durch die Corona-Krise ist nochmal offensichtlicher geworden, wie wichtig es ist, dass wir ausreichend gut qualifizierte Pflegefachkräfte haben und wie sehr die Gesellschaft auf Pflege angewiesen ist. Allerdings ist der Pflegeberuf in den vergangenen Jahren immer unattraktiver geworden. Das hängt auch damit zusammen, dass die Politik sich immer stärker aus der Daseinsfürsorge zurückgezogen hat und die Gesundheitsversorgung zunehmend privatisiert wurde – ob im Klinik- oder inzwischen auch niedergelassenen Bereich. Und da geht es vielfach nur noch ums Geld und eine gute Rendite. Dadurch gerät die Pflege immer stärker unter Druck, denn woran haben die privaten Klinikkonzerne zuerst gespart? Am Pflegepersonal. So hat sich die pflegerische Arbeit permanent verdichtet, es fehlt Zeit und Pflegende können ihren Job nicht mehr so ausüben, wie sie es gerne würden. Viele haben innerlich gekündigt oder arbeiten tatsächlich auch nicht mehr in ihrem Beruf, obwohl er ihnen mal viel Freude gemacht hat.

 

Was muss sich ändern?

Dr. Svante Gehring: Wir werden eine gute Patientenversorgung – ob stationär oder ambulant – künftig nur hinbekommen, wenn die Professionen wirklich als Team agieren. Ich bin neben meiner Tätigkeit als Hausarzt noch ehrenamtlich bei der Ärztegenossenschaft Nord und der Ärztekammer Schleswig-Holstein tätig. Die Probleme, mit denen wir heute zu tun haben, können die Berufsgruppen nur gemeinsam lösen. Dazu brauchen wir als Ärzteschaft einen mandatierten Ansprechpartner – und genau den haben wir mit der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein. Gemeinsam haben wir schon neue Dinge auf den Weg gebracht und arbeiten in verschiedenen Projekten zusammen. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir diese gute Zusammenarbeit vertiefen. Dazu gehört zum Beispiel auch die Entwicklung interdisziplinärer Leitlinien und Behandlungspfade, aber auch gemeinsame Fortbildungen von Ärzten, Pflegenden und Therapeuten. Ich bin ein großer Verfechter der transprofessionellen Zusammenarbeit. Und dafür braucht es Pflegekammern – ich kann nicht mit 2.000 Pflegediensten einzeln sprechen.

 

Was ist darüber hinaus wichtig?

Dr. Svante Gehring: Die Pflege muss sich organisieren und akademisieren. Dann könnte der Beitrag der Pflege an der Gesundheitsversorgung noch viel größer sein. Pflegende könnten dann auch mit der Kompetenz ausgestattet sein, bestimmte Heil- und Hilfsmittel zu verordnen. Das macht im Moment nur der Arzt – aber der hat gar nicht die Ausbildung und Fachkenntnis zu beurteilen, was der Patient an Pflege oder pflegerischen Hilfsmitteln benötigt. Wichtig wären zudem regelmäßige Teambesprechungen mit Ärzten, Pflegenden und Therapeuten. Dabei könnten gemeinsame Ziele formuliert werden und alle Akteure könnten sich gegenseitig unterstützen. Eine gute Gesundheitsversorgung kann nur funktionieren, wenn die Berufsgruppen auf Augenhöhe kommunizieren und eng zusammenarbeiten.

 

Dr. med. Svante Gehring ist Facharzt für Innere Medizin und hausärztlich tätig, 1. Sprecher des Vorstands der Ärztegenossenschaft Nord eG und Vorstandsmitglied der Ärztekammer Schleswig-Holstein.

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