Ohne die Pflegenden hätte ich das nicht geschafft

Pflegereform

Susanne Neubacher aus Lübeck hat ihre 92-jährige Mutter im Sterben begleitet. Unterstützt wurde sie von einem Pflegeteam, das ihr immer zur Seite stand – fachkompetent, wertschätzend und authentisch.

Meine Mutter hat fast ihr ganzes Leben in Husum an der Nordsee gelebt. Hier hat sie mit meinem Vater gewohnt, der eine eigene Arztpraxis hatte, und ihre drei Kinder großgezogen. Später, lange nach dem Tod meines Vaters, ist sie dann ins Betreute Wohnen gezogen und wir – ihre Kinder, Enkelkinder und Schwiegersöhne und -tochter – haben sie regelmäßig besucht. Es war eine sehr familiäre, warmherzige Atmosphäre in der Einrichtung. Meine Mutter, eine sehr liebevolle, starke Persönlichkeit mit viel Humor, kam bestens mit dem Pflegepersonal zurecht. Es war offensichtlich, dass die Pflegenden sie sehr gern hatten.

 

Ein ganz wichtiger Rückhalt

Im hohen Alter entwickelte meine Mutter dann ein Darmkarzinom, und es war klar, dass sie nicht mehr lange leben würde. Sie wollte auch keine medizinische Behandlung mehr und hat sich bei ihrem letzten Klinikaufenthalt selbst entlassen. Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade berentet worden und wollte gerne vor Ort sein, um meine Mutter auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Deshalb habe ich mir in Husum eine Ferienwohnung genommen und war jeden Tag von morgens bis abends bei meiner Mutter. Zusätzlich kamen zweimal am Tag die Pflegenden und haben die pflegerische Versorgung und die Schmerztherapie übernommen.

Die Pflegenden waren in dieser Zeit ein ganz wichtiger Rückhalt für mich. Sie haben mich so unterstützt, dass ich wirklich für meine Mutter da sein konnte. Dabei waren sie sehr einfühlsam: „Möchten Sie das übernehmen?“, haben sie mich gefragt, oder: „Trauen Sie sich das zu?“ Sie haben mich bei pflegerischen Maßnahmen angeleitet, zum Beispiel wie ich die Mundpflege durchführe oder meiner Mutter in eine bequeme Position verhelfen kann. Meistens haben wir das zunächst zusammen geübt, bis ich es dann selbstständig übernommen habe. Ich habe mich nie überfordert gefühlt und war dankbar für die vielen wertvollen Tipps, die sie mir gegeben haben.

Denn es gab in diesen Wochen immer wieder Situationen, in denen ich mich unsicher gefühlt habe. Als meine Mutter zum Beispiel aufgehört hat zu essen, war das sehr schwer für mich. Als die Pflegende kam, hat sie gleich mein Unbehagen gespürt. Sie ist mit mir auf den Flur gegangen und hat mir in Ruhe erklärt, warum Menschen aufhören zu essen, wenn sie sterben. Ich wusste das vorher nicht. Dieses sehr einfühlsam geführte Gespräch hat mir sehr geholfen.

Ich habe jeden Tag am Bett meiner Mutter gesessen, während sie immer schwächer wurde. Die Pflegenden haben mich ermutigt, meine Mutter zu berühren und zu streicheln. Ich war nicht immer sicher, wie viel meine Mutter noch mitbekommt. Aber die Pflegenden haben mich bestärkt und mir gesagt, dass meine Mutter spürt, dass sie nicht alleine ist.

 

Friedlicher Abschied

Irgendwann war klar, dass meine Mutter die nächsten Tage nicht mehr überleben würde. Meine Geschwister, ihre Familien und mein Mann sind noch ein letztes Mal nach Husum gekommen und haben sich verabschiedet. Und danach war ich wieder allein und habe plötzlich Angst bekommen und mich sehr hilflos gefühlt. In dieser Situation habe ich einfach den Pflegedienst angerufen. Keine 15 Minuten später war eine Pflegende da, hat mit mir geredet und war einfach da.

Der Tag, an dem meine Mutter dann gestorben ist, war ein schöner Spätsommertag. Meine Mutter hatte morgens schon anders geatmet als sonst und als die Pflegende kam, sagt sie mir, dass es nun dem Ende entgegen gehe würde. Sie meinte, es könne aber noch ein bis zwei Tage dauern. Dann war ich mit meiner Mutter allein, und es ging plötzlich doch ganz schnell. Meine Mutter hat noch einmal ganz tief geatmet und ist dann friedlich gestorben. Danach habe ich das Fenster geöffnet und noch eine Weile allein bei ihr gesessen. Erst dann habe ich den Pflegedienst informiert.

 

Pflegearbeit braucht mehr Wertschätzung

Ich habe es als etwas sehr Wertvolles erlebt, meine Mutter in ihrem Sterben begleiten zu dürfen. Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich das gemacht habe. Ich weiß aber auch: Ohne die Pflegenden hätte ich nicht das geschafft. Sie haben mich immer wieder aus dunklen Phasen rausgeholt. Sie haben mich begleitet, gestützt und waren auf ihre nordfriesisch bodenständige Art für mich da. Ich musste auch nicht viele Worte machen, sie wussten immer sofort, wie es mir gerade ging.

Was mir auch sehr gut gefallen hat: Es war immer eine fröhliche, entspannte Atmosphäre, wenn die Pflegenden kamen. Sie haben meine Mutter immer sehr respekt- und liebevoll behandelt. Wir haben auch oft zusammen gelacht. Ich habe mich insgesamt sehr aufgehoben gefühlt.

Es ist unglaublich wichtig, wie die Pflegenden mit sterbenden Menschen und deren Angehörigen umgehen. Davon hängt so vieles ab – ob das Sterben würdevoll verläuft, die Angehörigen sich gut eingebunden fühlen und dadurch auch später besser mit ihrer Trauer umgehen können. Deshalb finde ich es so wichtig, dass die Pflegearbeit mehr wertgeschätzt wird. Die Pflegenden geben so viel – und das in einer Situation, in der man sonst meist allein dastehen würde. Deshalb sollen sie auch von der Gesellschaft mehr zurückbekommen – mehr Wertschätzung, mehr Unterstützung und auch mehr Lohn. Das haben sie verdient!

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