„Es ist wirklich ernst und dringend“

Eckhart von Hirschhausen ist langjähriger Mitstreiter für bessere Bedingungen in der Pflege. Im Interview berichtet er, was ihn antreibt, was er sich für die Pflegenden wünscht und was die Pflege mit dem Klimawandel verbindet.

 

Herr von Hirschhausen, Sie setzen sich schon seit vielen Jahren für die Pflege ein. Was ist Ihre Motivation?

Auch wenn mich viele inzwischen aus dem Fernsehen, über die Bücher oder die Bühnenprogramme (vor Corona) kennen – im Herzen bin ich immer Arzt geblieben. Meine Zeit als Arzt in der Kinderheilkunde ist lange her, aber ich habe nicht vergessen, dass meine wichtigste Frage im Nachtdienst immer war: Wer ist von der Pflege da? Gute Medizin ist teamorientiert, das habe ich in England, in der Schweiz und den USA erlebt. Ich mache mir ernsthaft Sorgen, dass in Deutschland die größte Gruppe des Gesundheitswesens kaputtgespart, frustriert und krank gemacht wird. Deshalb unterstütze ich neben der Kampagne der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein aktuell zum Beispiel auch die Pflegepetition vom Stern und langfristig seit vielen Jahren bereits den Deutschen Pflegetag und die Bundespflegekammer.

 

Haben Sie auch persönlich Erfahrung mit dem Thema Pflege?

Ja, noch mehr Menschen als in der Pflege sind ja die pflegenden Angehörigen. Ich kenne die Herausforderungen auch direkt aus der eigenen Familie aus der Elterngeneration. Die pflegenden Angehörigen haben noch weniger politisches und gesellschaftliches Gehör. Zusammen mit meiner Stiftung HUMOR HILFT HEILEN und unserem langjährigen Kooperationspartner dm-Drogeriemärkte habe ich „Hirschhausens Pflegeserie“ produziert. Darin zeigen Schülerinnen und Schüler der Pflegeschule aus Bethel, wie die vielen Tricks und Kniffe beim Aufsetzen, Anziehen, Essen und Trinken für daheim einsetzbar sind. Der Bedarf an solchen praktischen und vor allem verständlichen Hilfen ist enorm. Die Serie ist auch weiter online abrufbar.

 

Was würden Sie sich selbst für eine Pflege wünschen, wenn Sie in diese Situation kommen sollten?

Einen Menschen – keinen Roboter!

 

Mit Ihrer Stiftung „Humor hilft heilen“ helfen Sie Menschen in schwierigen Situationen und Krisen, ihre Lebensfreude und Hoffnung wieder zu entdecken. Benötigt auch die Pflege mehr Humor, Freude und Zuversicht?

Unbedingt. Dafür haben wir auch seit fünf Jahren spezielle Workshops entwickelt, in denen es nicht vordergründig um Humor geht, sondern um Achtsamkeit, Resilienz, Seelenhygiene. Dahinter stecken Konzepte der positiven Psychologie und Resilienzforschung, auf gut Deutsch: Was macht uns Freude, wie tanken wir auf, wie können wir besser mit Stress umgehen lernen? Die Workshops sind wissenschaftlich evaluiert und viele Häuser beteiligen sich inzwischen daran. Es gibt auch Module für die Pflegeschulen und eine webbasierte App dazu.

 

Was braucht es darüber hinaus, um künftig ausreichend qualifizierte und möglichst zufriedene Pflegefachpersonen zu haben?

Faire Arbeitsbedingungen, Personaluntergrenzen, eine politische Vertretung wie eine Kammer auf Augenhöhe, raus aus den Fallpauschalen, hin zu einer humanen Humanmedizin. Konkret in der Corona-Pandemie wünsche ich mir einen Podcast, in dem Pflegefachpersonen sich auf dem Weg zur Arbeit die wichtigsten Infos und die für ihre Berufsgruppe relevanten Entwicklungen verständlich und kompakt anhören können. Über 1,2 Millionen Menschen arbeiten in der Pflege, sie sind die Säule unseres Gesundheitswesens und auch die wichtigsten Multiplikatoren in die Mitte der Gesellschaft. So wie ich im Nachtdienst wissen wollte, was die erfahrene Schwester empfehlen würde, so fragt jeder, der wen kennt, erstmal die Menschen in seinem Umfeld, die in Gesundheitsberufen arbeiten. Und dass aktuell die Pflegenden als Impfverweigerer dastehen, ist total absurd.

 

Aktuell engagieren Sie sich auch für den Klimaschutz. Wie kam es dazu?

Mir ist sehr wichtig, dass wir die viel größere Krise des Klimawandels endlich ernst nehmen. Wir hatten bereits drei extrem heiße Sommer in Deutschland mit allein 2018 über 20.000 Hitzetoten. In den Altenpflegeeinrichtungen gibt es praktisch nie eine Klimaanlage, Verschattung oder Dachbegrünung zum Kühlen. Da sterben die Alten, und die Mitarbeiter schwitzen und kippen um. Es kommen neue Infektionskrankheiten, Allergien explodieren, und das ist erst der Anfang. Deshalb habe ich eine neue Stiftung gegründet: Gesunde Erde – Gesunde Menschen. Wir verknüpfen die Akteure aus dem Gesundheitswesen, wie zum Beispiel auf dem Deutschen Pflegetag oder der DIVI, und gehen in die Öffentlichkeit und an die Politik. Corona ist ein Teilproblem der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, vom Artensterben und dem Wildtierhandel bis zu Luftverschmutzung und Braunkohlekraftwerken, die immer noch die Atmosphäre und die Atemluft verpesten, obwohl wir sie nicht brauchen. Zu solchen Themen können wir nicht länger schweigen.

 

Sehen Sie eine Verbindung zwischen Pflege und Klimaschutz?

Gesundheitsberufe sind „berufen“, Leben zu schützen, auf krankmachende Gefahren hinzuweisen und, wenn nötig, auch unangenehme Botschaften zu übermitteln. Die Klimakatastrophe ist die größte Gesundheitsgefahr im 21. Jahrhundert. In diesem Jahrzehnt entscheidet sich, ob wir überhaupt langfristig noch die Kurve zu einem für Menschen bewohnbaren Planeten bekommen. Es ist wirklich ernst und dringend, und dazu braucht es einen Schulterschluss aller Gesundheitsberufe, wie ihn auch die Allianz Klimawandel und Gesundheit und #healthforfuture voranbringen. Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde. Eigentlich logisch, oder?

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