„Pflegende können stolz auf ihren Beruf sein“

Jutta Schümann hat als SPD-Politikerin und Vertreterin der Arbeiterwohlfahrt viele Jahre für eine gute Pflege gekämpft. Im Interview berichtet sie von der Wichtigkeit von Berufsstolz und der Bedeutung von Berufskampagnen.

 

Frau Schümann, warum sind beruflich Pflegende für die Gesellschaft so wichtig?

Jutta Schümann: Das Thema Pflege betrifft wirklich jeden. Jeder Mensch wird irgendwann Pflege brauchen oder in seinem Umfeld Pflege erleben. In der Corona-Pandemie sieht man eindrucksvoll, wie unentbehrlich die beruflich Pflegenden für die Gesellschaft sind. Ohne ausreichend Pflegekräfte können wir die Versorgung alter und erkrankter Menschen nicht sicherstellen – ob auf einer Intensivstation oder im Pflegeheim. Da können wir noch so viele Intensivbetten und Heimplätze haben. Pflege ist ein sehr komplexer und anspruchsvoller Beruf, auf den wir nicht verzichten können. Er ist nicht erst seit „Corona“ systemrelevant.

 

Ist diese Bedeutung des Pflegeberufs denn in der Gesellschaft angekommen?

Jutta Schümann: Viele wissen zwar, dass Pflege ein wichtiger Beruf ist, sagen aber gleichzeitig auch: Ich könnte das nicht machen. Zu oft wird die berufliche Pflege noch mit typischen Tätigkeiten in Verbindung gebracht, wie Fiebermessen, Steckbecken schieben, Pflaster verteilen etc. Dass Pflege ein hochkomplexer, anspruchsvoller Beruf ist, bei dem man eine immens hohe Verantwortung trägt und auf Augenhöhe mit Ärzten und anderen Berufsgruppen arbeitet, sehen viele nicht. Das sollten Pflegefachkräfte mit noch mehr Selbstbewusstsein nach außen tragen.

 

Inwiefern?

Jutta Schümann: Pflegende sind eher zurückhaltend, wenn es darum geht, über ihren Beruf zu berichten. Sie stellen sich nicht lautstark in eine Runde und sagen: „Ich bin Pflegefachkraft. Das ist ein toller, wichtiger Beruf, den ich sehr gerne mache.“ Ich höre das ganz selten. Dabei können Pflegende zu Recht stolz auf ihren Beruf sein und das auch in der Öffentlichkeit vertreten. Falsche Bescheidenheit ist bei einem so wichtigen Beruf nicht angesagt. Das betrifft auch die Forderung nach mehr Gehalt. Über das Gehalt wird schließlich immer noch der Status definiert.

 

Wie bewerten Sie die neue Kampagne, die die Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein jetzt gestartet hat? Die Kampagne fordert ja genau das – mehr Anerkennung und mehr Gehalt.

Jutta Schümann: Ich finde sie sehr gut, weil sie deutlich aufzeigt, was Pflegende leisten und wie vielfältig und anspruchsvoll Pflege ist. Öffentlichkeitsarbeit für die Pflege ist so wichtig! Die Menschen sollten auch um die positiven Aspekte des Pflegeberufs wissen – dass die Arbeit sehr erfüllend und mit vielen Karrierechancen einhergeht. Auch akademische Karrieren haben sich in der Pflege etabliert. Diese Form von Öffentlichkeitsarbeit ist sehr wichtig – auch, um dringend erforderliche Nachwuchskräfte zu gewinnen. Solche Kampagnen sind dringend notwendig, um den Beruf voranzubringen. Warum sollte zum Beispiel die Politik Pflegende ernst und wichtig nehmen, wenn sie von diesem Beruf kaum etwas weiß? Und wie soll man dann mehr Ansehen und bessere Arbeitsbedingungen erstreiten? Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit gehören zu den Aufgaben einer Kammer. Sie haben den Einblick in den Pflegeberuf und können wichtig Anliegen der Pflege in Richtung Politik transportieren. Wer soll es denn sonst machen? Es braucht Kampagnen, und diejenigen, die diese Form der Aufklärung kritisieren, sollen bitte sagen, wie es anders geht.

 

Jutta Schümann ist SPD-Politikerin. Die Diplom-Sozialpädagogin und Diplom-Sozialwirtin hat viele Jahre der Sozialabteilung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in der Landesgeschäftsstelle Schleswig-Holstein geleitet. Seit 1991 war sie als Grundsatzreferentin für Seniorenpolitik, Altenhilfe, Altenpflegeausbildung und Gerontopsychiatrie im Ministerium für Arbeit, Soziales, Jugend und Gesundheit des Landes Schleswig-Holstein tätig. Ab 2000 war sie 10 Jahre im Schleswig-Holsteinischen Landtag als Abgeordnete und gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion für die Bereiche Gesundheit und Pflege verantwortlich.

 

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