„Ich darf mein Leben so weiterleben, wie ich es gerne möchte“

Nach einem Sturz hat sich Frau L. aus Stockelsdorf entschieden, zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben. Ihre beiden Töchter und ein ambulanter Pflegedienst stehen ihr dabei zur Seite. Wie eine gute Pflege aussieht und was Pflegende dafür benötigen – davon hat die 82-Jährige klare Vorstellungen.

 

Jetzt in Corona-Zeiten ist Frau L. besonders froh, dass sie in ihrem eigenen Zuhause lebt. Sie weiß: Wenn sie jetzt im Heim wäre, könnte sie ihre beiden Töchter nicht sehen, und auch nicht ihre drei Enkelkinder und ihre Urenkelin. „Natürlich passen wir sehr gut auf und halten ausreichend Abstand, wenn wir uns treffen“, erzählt die 82-jährige. „Aber ich weiß ja auch nicht, wie lange ich noch lebe, und möchte diese Zeit nicht verpassen.“

Die letzten Jahre waren nicht einfach für Frau L. Vor viereinhalb Jahren ist ihr Mann plötzlich verstorben. „Danach bin ich total zusammengebrochen. Es hat lange gedauert, bis ich mich erholt habe“, sagt sie. Nach dem Tod ihres Mannes war sie häufig krank, lag dreimal im Krankenhaus, zuletzt wegen eines Sturzes, und war zweimal in der Kurzzeitpflege. In der letzten Einrichtung, in der sie vor einem Jahr war, könnte sie sich sogar vorstellen, mal irgendwann zu leben. „Aber ich habe dann doch den Entschluss gefasst, es zu Hause zu probieren“, sagt sie. „Hier bin ich keinen fremden Tagesrhythmen oder Hausordnungen unterworfen. Meine Töchter sind regelmäßig da, und ich kann meine Enkel sehen. Ich darf mein Leben so weiterleben, wie ich es gerne möchte.“

 

Der Faktor Zeit spielt eine wichtige Rolle

Als sie ihre Entscheidung getroffen hatte, halfen ihre Töchter ihr bei den organisatorischen Dingen. Eine Tochter ist selbst Krankenschwester und kümmerte sich um einen Wechsel des ambulanten Pflegedienstes. „Damit bin ich glücklich und zufrieden“, erzählt Frau L. Vorher hatte sie einen anderen Pflegedienst, bei dem sie die Pflegenden als sehr gehetzt erlebte. Das ist nun anders beim neuen Pflegedienst aus Lübeck: „Falls die Pflegenden dort unter Druck sind, dann zeigen sie es nicht. Sie sind sehr zugewandt und versorgen mich so, wie ich es gerne möchte.“

Der Faktor Zeit spielt aus ihrer Sicht eine wichtige Rolle für eine gute Pflege. Hier hat sie auch schon schlechte Erfahrungen gemacht. „Alle Pflegenden, die im Krankenhaus oder Heim arbeiten, stehen sehr unter Druck. Damit komme ich nicht gut klar. Es ist kein schönes Gefühl, wenn man denkt, man hält die Pflegenden auf. Es ist ja traurig genug, dass man das nicht mehr selber kann.“ Eine gute Pflege bedeutet für sie, dass die Pflegenden ihr zuhören und auf ihre Wünsche Rücksicht nehmen. Auch wünscht sie sich eine gute Fachlichkeit der Pflegenden. „Mir ist wichtig, dass es Fachkräfte sind, die mich betreuen. Ich bin zwar kein Schwerstpflegefall, aber manchmal bin ich gerade morgens sehr unsicher auf den Beinen. Da merke ich einen Unterschied, ob sich eine Fachkraft um mich kümmert oder eine angelernte Hilfskraft.“

Insgesamt kommt Frau L. mit Unterstützung gut zurecht. Der Pflegedienst kommt täglich zur morgendlichen Versorgung zu ihr, ihre Kinder und Engelkinder besuchen sie regelmäßig. Zusätzlich hilft ihr zweimal pro Woche jemand im Haushalt. Auch kommt regelmäßig eine Betreuungskraft und geht mit ihr im Rollstuhl spazieren. Zuhause kommt Frau L., die Pflegegrad 3 hat, noch mit dem Rollator zurecht. Nachts ist sie allein. „Aber meine Töchter haben gesagt, ich kann immer anrufen“, sagt sie. „Auch habe ich einen Notruf, mit dem ich bei Bedarf die Johanniter rufen kann.“

 

„Es muss sich etwas ändern“

Früher hat sie selbst mal überlegt, in die Pflege zu gehen. Aber dann hat sie sich doch für den Lehrerberuf entschieden, auch wenn sie nach der Geburt ihrer Kinder nicht mehr gearbeitet hat. Sie wollte gerne für ihre Kinder da sein und ihren Mann im Beruf unterstützen. Von 1971 bis 1982 hat die Familie elf Jahre in London/Großbritannien gelebt. An diese Zeit denkt sie besonders gerne zurück.

Für die Pflegenden wünscht sie sich mehr Anerkennung und mehr Gehalt. „Es gibt viele Menschen, die viel weniger Verantwortung tragen und viel mehr Geld bekommen“ sagt sie. Auch müsste man mehr Reklame für den Beruf machen und der Bevölkerung zeigen, was für eine Arbeit die Pflegenden leisten, sagt sie. Wichtig ist aus ihrer Sicht auch, dass die Pflegenden in Ruhe arbeiten können und sich nicht fortwährend abhetzen müssen. „In ein paar Jahren werden wir große Not haben“, befürchtet sie. „Der Beruf muss einfach attraktiver werden und so bezahlt sein, dass auch junge Familien davon leben können. Es muss sich etwas ändern, damit der Beruf reizvoller wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass das ein sehr dankbarer Beruf ist, wenn die Menschen ausreichend Anerkennung bekommen.“

 

Foto: Pixabay/pasja1000

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