„Jetzt kommen wir an die Grenze“

Regelmäßige Schnelltests der Mitarbeitenden sind sinnvoll, bringen die Pflegeeinrichtungen aber zunehmend in Bedrängnis. Denn die zeitliche Belastung ist groß. Oft ist die Durchführung nur mit zusätzlichem Personal und Freiwilligen zu schaffen – so auch im AWO Servicehaus Sandberg in Flensburg.

 

Im Servicehaus Sandberg der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ist das kleine Pflegebad im Erdgeschoss seit drei Monaten zum Corona-Testzentrum umfunktioniert. Hier kommen die Mitarbeitenden aus Pflege, Küche und Verwaltung zweimal wöchentlich zwischen 8 und 16 Uhr zum PCR-Schnelltest vorbei. „Wir schaffen zehn bis zwölf Tests in der Stunde“, sagt Mattias Morf, Einrichtungsleitung der WOHNpflege, zu dem auch das Servicehaus Sandberg gehört. Dabei müssen die Zeiten gut koordiniert werden, um Wartezeiten zu vermeiden. Die Kolleginnen und Kollegen aus der Küche beginnen ihre Arbeit morgens um 6.30 Uhr und kamen bisher gegen 8 Uhr in den Testraum, die Pflegenden kamen meist am frühen Vormittag nach der pflegerischen Versorgung.

 

Bis 7 Uhr müssen knapp 35 Mitarbeitende getestet werden

Seit dem 10. Februar wurden die Vorgaben für die Schnelltests nun durch eine Allgemeinverfügung der Stadt Flensburg „verschärft“. Das bedeutet unter anderem, dass alle Mitarbeitenden von Pflegeeinrichtungen sich täglich vor Dienstbeginn einem Antigen-Schnelltest unterziehen müssen. Im Servicehaus Sandberg sind insgesamt rund 30 bis 40 Mitarbeitende im Frühdienst tätig, die nun alle bis um 7 Uhr morgens getestet sein müssen. Hinzu kommen weitere Testungen des Spät- und Nachtdienstes, der Heilmittelerbringer*innen, zum Beispiel Physiotherapeut*innen, aber auch Testungen der Besucher*innen.

Der Einrichtungsleiter hat schnell reagiert. Morf hat kurzfristig die Testkapazitäten durch Erweiterung der Räumlichkeiten erhöht. Denn der improvisierte Testraum in seiner Einrichtung ist für parallele Testungen zu klein. Durch einen vorübergehenden zweiten Testraum können nun zwei Mitarbeitende gleichzeitig getestet werden. Dennoch bleibt das personelle Problem: Die Testungen erfolgen zusätzlich zum normalen Tagesbetrieb, ohne dass zusätzliches Personal da ist. „Wir beginnen mit den Tests morgens um 5.45 Uhr. Das heißt, die ersten Mitarbeitenden müssen etwa eine dreiviertel Stunde vor Dienstbeginn vor Ort sein – das alles gehört mit zur Arbeitszeit“, sagt Morf. „Jetzt kommen wir an personelle Grenzen.“

Um weiter eine ausreichende pflegerische Versorgung sicherzustellen, nimmt die Einrichtung gerade keine neuen Bewohner*innen auf. Denn die Pflegenden arbeiten schon jetzt am Limit, weiß der Einrichtungsleiter. „Wir haben in der Pandemie rund 30 Prozent mehr Krankmeldungen als sonst. Wir arbeiten mit Zeitarbeitsfirmen, auch wenn viele wechselnde Mitarbeitende das Risiko einer Ansteckung erhöhen. Aber anders geht es nicht. Die Kolleginnen und Kollegen vor Ort sind sehr belastet, und die Situation spitzt sich zu“, sagt Morf. „Wenn wir unsere Mitarbeitenden weiter überfordern, gehen uns noch mehr Leute verloren.“

 

Gute Erfahrungen mit Freiwilligen gesammelt

Im Moment unterstützen Soldat*innen der Bundeswehr die Einrichtung übergangsweise bei der Durchführung der Corona-Schnelltests – so wie auch in mehreren anderen Kreisen und Städten in Schleswig-Holstein. Dieser Einsatz der Bundeswehr ist jedoch zeitlich begrenzt und soll durch geeignete zivile Helfer*innen abgelöst werden, die über die Bundesagentur vermittelt werden sollen.

Allein darauf verlässt sich Einrichtungsleiter Mattias Morf aber nicht. Er hat bereits im Frühling 2020 über den ehemaligen Pflegepool der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein und auch jetzt über die Vermittlungsplattform #pflegereserve mit freiwilligen Helfer*innen zusammengearbeitet – mit sehr guten Erfahrungen. Im April und Mai 2020 waren jeweils zwei Pflegefachpersonen vor Ort, die bereits mehrere Jahre nicht mehr in der Pflege gearbeitet hatten. „Die beiden waren in der pflegerischen Versorgung eingesetzt, das hat sehr gut funktioniert. Sie sind mit zunehmender Zeit immer sicherer geworden und haben sich immer mehr zugetraut“, berichtet Morf. „Ich war regelmäßig mit ihnen im Kontakt, um zu sehen, wie es ihnen geht und ob sie sich gut im Team aufgehoben fühlen. Das hat ganz prima geklappt.“

Zum Jahreswechsel war dann eine Mitarbeiterin der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein freiwillig in seiner Einrichtung tätig und hat zwei Wochen bei der Durchführung der Schnelltests ausgeholfen – und das ehrenamtlich in ihrem Urlaub. „Sie war jeden Tag für acht Stunden vor Ort. Das war wirklich ein toller Einsatz und für uns eine große Entlastung“ sagt Morf. Seit Januar hat Morf einen ehemaligen Rettungssanitäter mit 25 Wochenstunden für die Testungen eingestellt und eine Studentin, die bei der Dokumentation hilft.

Trotz allem Verständnis für die verschärften Sicherheitsmaßnahmen ärgert er sich über den fehlenden Weitblick der Politik. „Vom Prinzip her kann ich das alles gut nachvollziehen. Aber leider sind die Maßnahmen personell überhaupt nicht durchdacht. Seit einem Jahr wird über Corona gesprochen, es wurde geklatscht, es gab Boni. Aber personell ist überhaupt nichts passiert“, beklagt Morf. „Damit werden die Einrichtungen absolut allein gelassen.“

 

Der ehemalige Pflegepool der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein ist in die Online-Plattform #pflegereserve übergegangen. Die Bundespflegekammer hat diese Plattform seit Januar 2021 übernommen. Es werden weiter freiwillige Pflegereservist*innen gesucht.

Mehr Infos dazu unter: pflegereserve.de

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