„Ich habe einen riesigen Respekt vor den Pflegenden“

Vom Bürojob direkt auf die Intensivstation – die Kinderkrankenschwester Melanie Luttermann, 47, ist in der Corona-Pandemie für sechs Wochen in die Pflege zurückgekehrt. Hier hat sie hautnah mitbekommen, was die Intensivpflegenden in der Pandemie leisten.

Als ich meinen ersten Frühdienst auf der Intensivstation hatte, war ich sehr aufgeregt und nervös. Ich hatte zwar Intensiverfahrung, aber mein letzter Kontakt mit beatmeten Patienten lag schon viele Jahre zurück. Kurz vor meinem freiwilligen Einsatz hatte ich deshalb verständlicherweise etwas Angst vor meiner eigenen Courage – und einen ordentlichen Respekt vor der neuen Aufgabe.

Kurz zuvor hatte ich den Aufruf der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein gelesen, dass freiwillige Helfer*innen gesucht werden.  Dies hatte mich sofort angesprochen, und ich wollte gerne meine Unterstützung anbieten. Nach kurzer Rücksprache mit meinem Arbeitgeber war dieser sofort einverstanden, als ich ihm von meinen Plänen berichtete. Ich bin seit fast fünf Jahren beim Landesamt für soziale Dienste tätig und dort für die Überwachung von Medizinprodukten zuständig. Vorher hatte ich als Kinderkrankenschwester in ganz unterschiedlichen Bereichen gearbeitet – von der Anästhesie bis zur Palliative-Care-Betreuung onkologischer Patienten.

 

Im Helfen sehe ich meine Berufung

Meinen ersten Arbeitstag hatte ich schon Anfang April 2020 – und zwar auf einer internistischen Intensivstation im Städtischen Klinikum Kiel. Eine sehr erfahrene Intensivpflegende hat mich Schritt für Schritt in meinen Aufgabenbereich eingewiesen und mir alle Geräte und pflegerischen Aufgaben mit einer Engelsgeduld erklärt. Ich war sehr motiviert, aber auch voller Respekt vor der Arbeit in der Intensivpflege. Ich habe den Pflegenden auch immer gesagt: „Ich bin sehr lange raus und brauche Zeit.“ Mir war von Anfang an klar: Ich bin Aushilfe und Gast auf dieser Station und werde mir nie anmaßen, mit den Intensivpflegenden auf einer Ebene zu stehen. Ich hätte auch Schränke ausgeputzt, wenn das den Pflegenden geholfen hätte.

Meine Mentorin hat mich sehr gut in die Arbeit auf der Station eingeführt und ich habe zunächst Patient*innen mit ihr zusammen betreut. Später durfte ich dann alleine Intermediate Care-Patient*innen versorgen. Dabei stand mir immer eine erfahrene Pflegende zur Seite und hat mich unterstützt. Ich bin wirklich vom gesamten Team super aufgenommen und begleitet worden. Während meines sechswöchigen Einsatzes lagen meist zwei bis drei Covid-19-Patient*innen auf der Station. Die schwerer Erkrankten wurden aber immer hauptsächlich von den erfahrenen Pflegenden versorgt, während ich ihnen unterstützend zur Seite stand.

Das Engagement der Pflegenden in dieser schwierigen Situation hat mich sehr beeindruckt. Zwar standen alle unter Stress, waren aber sehr konzentriert bei der Sache und haben alles getan, um die Patient*innen bestmöglich zu versorgen. Auch die Zusammenarbeit zwischen Ärzt*innen und Pflegenden war sehr vorbildlich. Man hatte wirklich das Gefühl, dass alle zusammenhalten und miteinander in der Pandemie kämpfen. Ich habe wirklich einen riesigen Respekt vor dem, was die Intensivpflegenden in der Pandemie leisten und mit welchem Herzblut sie ihre Aufgabe wahrnehmen – oft über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Mir ist besonders aufgefallen, wie liebevoll und individuell sie auf die Erkrankten eingehen, wie sehr sie sich über Erfolge der Patient*innen freuen und mit wie viel Geduld sie die vielen Hilfskräfte angelernt haben. Und mir ist auch wieder bewusst geworden, was für eine immense Verantwortung die Intensivpflegenden tragen.

 

Die Wertigkeiten haben sich verschoben

Insgesamt war ich sechs Wochen auf der Intensivstation eingesetzt. Der Abschied war traurig, viele haben mich gefragt: „Kommst du wieder?“ Ich habe gesagt: „Vielleicht im Herbst, wenn die zweite Welle kommt.“ Als dann die zweite wirkliche Welle kam, wurde ich auch angefragt, konnte aber aus gesundheitlichen Gründen meine Ankündigung leider nicht einhalten. Dabei hätte ich sehr gerne wieder geholfen.

Der Einsatz war wie ein heilsamer Ausflug in eine andere Welt, bei dem sich meine persönlichen Wertigkeiten nochmal verschoben haben. Mir ist wieder bewusst geworden, wie schnell sich das Leben durch eine Erkrankung ändern kann und wie dankbar man sein kann, morgens gesund aufzustehen und seine Familie und Freunde um sich zu haben. Nach diesem Einsatz war es für mich auch sehr schwer, Menschen zu ertragen, die die Gefährlichkeit von Corona verharmlosen oder sogar leugnen. Ich habe mir ihre unterschiedlichsten Argumente meistens ruhig angehört und dann von meinen Erfahrungen erzählt: von dem rüstigen 80-jährigen Covid-Patienten, der kurz vor seiner Erkrankung noch den Geburtstag seiner Frau organisiert hatte und nach 22 Tagen Beatmung dann doch verstorben ist. Oder von der an Covid-19 erkrankten 60-Jährigen, die sich nach der Beatmung langsam zurück ins Leben gekämpft hat. Wenn ich den Menschen in meinem Umfeld davon berichte, werden die meisten ganz still.

Für mich war dieser Einsatz eine sehr schöne, wertvolle Erfahrung. Ich bin dem Städtischen Klinikum, meinem Arbeitgeber und vor allem meiner Familie sehr dankbar, die diesen Einsatz möglich gemacht haben. Im Helfen sehe ich meine Berufung! Trotzdem ist für mich eine langfristige Rückkehr eher unwahrscheinlich. Mit einer Familie ist der Schichtdienst nur schwer zu vereinbaren. Hinzu kommt der finanzielle Aspekt. Ich bekomme in meiner jetzigen beruflichen Tätigkeit ein höheres Gehalt, und wenn man die Verantwortung der Intensivpflegenden sieht, besteht hier dringender Handlungsbedarf, eine Anpassung vorzunehmen. Sie sollten deutlich mehr verdienen. Was Pflegende erbringen, ist wirklich eine körperliche und mentale Höchstleistung – das wird immer noch viel zu wenig gewürdigt.

 

Der ehemalige Pflegepool der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein ist in die Online-Plattform #pflegereserve übergegangen. Die Bundespflegekammer hat diese Plattform seit Januar 2021 übernommen. Es werden weiter freiwillige Pflegereservist*innen gesucht.

Mehr Infos dazu unter: #pflegereserve

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